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bei der Arbeit

 

Dr. med. Thomas Georg Schätzler

 

Dr. Schätzler
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Arzt

 

Multimorbidität ist das Problem, nicht Polypharmazie!

 

Nicht die Polypharmazie ist das Problem für große Teile der alternden Bevölkerung in Deutschland: Der Barmer-Arzneimittelreport verwechselt Ursache und Wirkung.

 

Wenn laut aktueller Analyse jeder fünfte Bundesbürger im Jahr 2016 fünf oder mehr Arzneimittel eingenommen hat, liegt das an der zunehmenden Krankheitslast, die wir Ärztinnen und Ärzte in Deutschland ohne flankierende Maßnahmen seitens der Politik und den Gesetzlichen Krankenkassen kaum noch bewältigen können.

 

Übergewicht, Bewegungsmangel, Fehlhaltung, passiver Medienkonsum, Falsch- und Fehlernährung, Rauchen, Alkohol-, Drogen- und Genussmittelabusus, mangelhafte körperliche Belastbarkeit in Beruf und Freizeit, Stressfaktoren bzw. metabolisches Syndrom führen gemeinsam mit höherer Lebenserwartung und Anspruch auf weitgehende bio-psycho-soziale Rehabilitation geradewegs in eine nur noch medikamentös zu bewältigende, multimorbide Lebenssituation.

 

Nur als Beispiele:

 

– Eine koronare Herzkrankheit (KHK) mit akutem Koronarsyndrom (ACS) führt unabhängig von einer zusätzlichen Koronarintervention mindestens zur Medikation mit ASS, Cholesterin- und Blutdrucksenkern.
– Ein Typ-2-Diabetes mellitus wird häufig mit Metformin und 1-2 weiteren Medikamenten und ggf. mit Injektionen behandelt.
– Degenerativ und Fehlbelastungs-bedingte (Poly-)Arthrosen bzw. Wirbelsäulensyndrome bedingen häufig eine multimodale, medikamentengestützte Schmerztherapie.
– Die chronische Rheumatoide Arthritis (RA), die Multiple Sklerose (MS) der Morbus Parkinson, eine Fülle von Kollagenosen, Tumor- und Systemkrankheiten bzw. auch die Hepatitis C können nur durch den Einsatz von “Biologicals” und mehrdimensionale adjuvante Therapien beherrscht werden.

 

Demgegenüber steht, dass Prävention, Frühdetektion und Basistherapien von Zivilisationskrankheiten bisher weder von Politik, Sozialversicherungen, Medien und Öffentlichkeit auf der Agenda stehen.

 

Im Gegenteil: Indem niedergelassene Vertragsärzte der GKV als Haus- und Fachärzte an keiner einzigen Stelle für Schulung und Behandlung bei Übergewicht, Bewegungsmangel, Fehlhaltung, passiven Medienkonsum, Falsch- und Fehlernährung, Rauchen, Alkohol-, Drogen- und Genussmittelabusus, mangelhafte körperliche Belastbarkeit in Beruf und Freizeit, Stressfaktoren aufwandsentschädigende Honorare bekommen und Gebührenordnungspunkte (GOP) nach EBM für derartige Problembereiche nicht existent sind, können in Deutschland keine systematischen epidemiologischen, diagnostischen und therapeutischen Evaluationen für eine risikoadaptierte Primärprävention stattfinden.

 

Mit einem irrational argumentierenden Barmer-Arzneimittelreport zu lamentieren und vor angeblichen Gesundheitsgefahren durch Polypharmazie zu warnen, ist angesichts stetig steigender durchschnittlicher Lebenserwartung mehr m. E. als scheinheilig und unbedarft!

 

Es sind eben nicht “thumbe” Hausärztinnen und Hausärzte, die ihre Patientinnen und Patienten mit Medikamenten-Verordnungen unreflektiert “vollpflastern”, sondern es sind die Krankheitsgeschichten, die unsere Patienten selbst schreiben.

 

Beispiel 1

 

Patient Nr. 3837, männlich, 55 Jahre alt, als EDV-Spezialist kürzlich berentet worden, seit 5.5.2000 in meiner intensiven und regelmäßigen hausärztlichen Betreuung:

 

Primäre Nebennierenrinden-Insuffizienz [M. Addison] (E27.1+G) + Lipom (D17.9+G) + COPD (J44.99+G) + Cholinergische Urtikaria (L50.5+G) + Mastozytose (Q82.2+G) + Primär insulinpflichtiger Diabetes mellitus [Typ-I] mit Komplikationen (E10.60+G) + Dilatative Kardiomyopathie (I42.0+G) + Kalzinose (E83.58+G) + Testosteronmangel (E29.1+G) + Diabetische Polyneuropathie (E14.40+G) + Autoimmune polyglanduläre Insuffizienz (E31.0+G) + Autoimmunthyreoiditis (E06.3+G) + Hüftkopfnekrose links (M87.95+LG) + Diabetes mellitus vom Typ 1 (E10.40+G) + Visusverlust (H54.9+G) + Verdacht auf Steroidosteoporose (M81.49+V) + Hyperthyreosesyndrom mit Exophthalmus, Myxödem und Osteoarthropathia hypertrophicans [EMO] (E05.0+G) + Pflasterallergie (L23.5+G) + Perimandibulärer Abszess (K12.28+Z) + Orbitakrankheit [orbitale Dekompressions-OP] (H05.9+Z) + Katarakt beidseitig (H26.9+BG) + Akkommodationsstörungen (H52.5+G) + Thyreotoxische Krise (E05.5+Z) + [schwerste] Endokrine Komplikation (E34.9+G) + Depressive Störung schwere Episode (F32.2+G) + Commotio cerebri (S06.0+G) + Exophthalmus bei Funktionsstörung der Schilddrüse (H06.2+Z) + Cushing-Syndrom (E24.9+Z) + Thyreotoxische Krise (E05.5+Z) + Battered-child-Syndrom (T74.1+G) + Verdacht auf Coxitis links (M13.15+LV) + Verdacht auf Nebenwirkung [Mamillenpigmentierung astonin oder epleneron?] (T78.9+V) + Diabetische Neuropathie bei Typ-1-Diabetes mellitus rechts (E10.40+RG) + Verdacht auf Rotatorenmanschettensyndrom links (M75.1+LV) + Tendinitis calcarea im Schulterbereich links (M75.3+LG) + Verdacht auf Hiatushernie (K44.9+V) + Ausschluss Endokarditis (I38+A) + Unklare BSG- und CRP-Erhöhung (R70.0+G) + Nebenwirkung einer medizinischen Behandlung (T88.9+G) + Verdacht auf Rheumatoide Vaskulitis (M05.29+V) + Lumboischialgie mit Blockierung beidseitig (M54.4+BG) + Blockierung der Lendenwirbelsäule (M99.83+G)…

 

Nur durch koordinierte, wiederholte fach- und spezialärztliche Interventionen bzw. durch 2-malige (Notfall-)Dekompressions-OPs (Frau Prof. Dr. med. Eckstein) in der Universitäts-Augenklinik Essen konnte z. B. sein Augenlicht gerettet werden.

 

Beispiel 2

 

Patientin Nr. 10255, weiblich, 92 Jahre alt, lebt in der eigenen Wohnung weitgehend selbstversorgend, seit 1999 in meiner intensiven und regelmäßigen hausärztlichen Betreuung:


Hypertensive Herzkrankheit mit [kongestiver] Herzinsuffizienz ohne Angabe einer hypertensiven Krise (I11.00+G) + Spondylose mit Radikulopathie: Lumbosakralbereich BANDSCHEIBENSCHADEN PROLAPS L1-2, SPONDYLOLISTHESIS MIT SPINALKANALSTENOSE L4-5 UND L2-3 (M47.27+G) + Störung der Sekretion des antidiuretischen Hormons [SIADS] (E22.2+G) + Osteoporose (M81.99+G) + Vitamin-D-Mangel (E55.9+G) + Normaldruckhydrozephalus (G91.29+G) + Shuntanlage (Z49.0+G) + Niereninsuffizienz im Stadium der kompensierten Retention [gebessert] (N18.89+G) + Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (F45.41+G) + Agoraphobie mit Panikstörung (F40.01+G) + Soziale Phobie (F40.1+G) + Bewegungsunsicherheit (R29.8+G) + Omarthrose links (M19.91+LG) + Arteriosklerose (I70.9+G) + Aortensklerose (I70.0+G) + Karotissklerose (I65.2+G) + Aortenklappenstenose (I35.0+G) + Pruritus senilis (L29.8+G)…

 

Selbstverständlich haben nicht alle Patienten in meiner Praxis derartig komplexe Multimorbiditäten aufzuweisen. Aber für mindestens 50 Prozent der Betroffenen gibt es auf Grund fehlender Studienlagen nicht mal ansatzweise Leitlinien-Korridore, die man mit “Evidenc-based Medicine” (EbM) auch nur ansatzweise beschreiten könnte. Von daher ist es schlicht und ergreifend diskriminierend und lebensfremd, insbesondere Haus- und Familienärzten bei der Medikation multipler bio-psycho-sozial bedingter Erkrankungen Polypragmasie oder dilettierende Multimedikation vorwerfen zu wollen.

 

Der eigentliche Skandal ist, dass es bis heute keine verbindlichen Medikations-Plattformen für a l l e haus-, fach- und spezialärztlichen bzw. klinischen Verordnungen gibt. Kassenärztliche Rezeptvordrucke verschwinden unkontrollierbar im Orkus der Apotheken-Verrechnungsstellen, während alle privaten und grünen Rezepte wieder zurück an den Patienten gehen. Somit weiß eigentlich niemand mehr, was, wann, wie, von wem und warum verordnet wurde.

 
#8 | 10. Juli 2018 um 00:15
 
Die Quelle ist der vorstehende unveränderte Kommentar von Dr. Schätzler im Newsletter von: DocCheck News 18.28 (Montag)
 

Arzneimittelreport: Ärzte ohne Überblick

 

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Nicht ein einziges Wort von mir.
 
 
 
 

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