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Handy & Neander

bei der Arbeit

Sogyal Rinpoche* empfiehlt den Geist zu zähmen.

 

Man sollte auf ihn hören. Keine Gesellschaft, denn die Tibetische, hat so viele Kenntnis zu Leben und Sterben erworben. In dem Bereich sind sie die Experten. Was macht unser Geist, dass er gezähmt werden muss. Sogyal Rinpoche sagt in etwa im Film über sein Leben, er springe sekundenschnell von hier nach da und dort und immer so weiter. Diesen Irrwisch gilt es anzuhalten, zur Ruhe zu bringen. Nur dann und nur so sei es möglich seinen eigenen Kern zu sehen, sein wahres Selbst zu erfahren und es zu genießen.

 

Fakt ist, wir sind nie ganz bei uns, sondern mehr nach draußen orientiert und am Draußen, am Trubel und am Gegenüber versuchen wir zu sein, was wir für das Draußen oder das Gegenüber sein wollen. Das ist evolutionär verfügt. Dieser aufgenötigte unablässige Versuch, so zu sein, dass einen die anderen akzeptieren, ermöglicht starke soziale Bindungen trotz und gegen die Erkenntnis, der Mangelhaftigkeit der anderen. Das erwachsene Kaleidoskop eines Individuums ist trainierte Schauspielerei, für fast jede denkbare Situation an Stimmung, Konflikte, im Rangordnungsgefüge und in Beziehungen aller Art. Dieses nützliche Verhalten erlaubt aber nicht einen qualifizierten Blick auf sich selbst und ebenso wenig eine zuverlässige Einschätzung durch andere. Menschen überraschen sich und andere immer wieder, würden aber nie zugeben, sich widersprüchlich zu verhalten oder zu argumentieren – gleichwohl es unser eigentliches Wesen ist - das Fähnchen im Wind.

 

Warum könnten wir ohne diese Funktion nicht sozial sein? Mit aufkommender kognitiver Fähigkeit, entsteht das Problem Verachtung. Da wir gleichzeitig mit der Fähigkeit Erkanntes zu bedenken, die Notwendigkeit der Einordnung der Unterschiede alternativlos aufgedrückt bekommen haben, müssen wir die Erkenntnis in besser und schlechter und dümmer und gescheiter sortieren. Unterscheidungen dienen der Bildung der Rangordnung. Um die Rangordnung soll zum Nutzen für die Sippe gekämpft werden. Wer jedoch aufsteigt, lässt andere hinter sich. Dort ist die Geburt der gegenseitigen Verachtung zu beobachten. Der evolutionäre Antrieb ist nach oben zu kommen, Macht zu erhalten, die eigenen Ideen durchzusetzen, andere zu unterwerfen.

 

Damit der Zusammenhalt um überleben zu können, erhalten bleibt, bedarf es eines Gegengewichtes zur Verachtung. Sie bleibt erhalten, als Identifikation der tiefer stehenden Sippenmitglieder muss aber im Innern geheim bleiben und nach außen eine Korrektur erfahren, die die Bindung an die anderen aufrecht erhält. Dieser Wunsch, in Ehe, Familie oder Sippe zu bleiben, ist die Gegenstelle für die Verachtung - zwei Seiten eines Pendels. Zusammen genommen kennen wir sie als den inneren Wächter. Es ist eine Korrekturinstanz, die unser Verhalten wertet. Leider auch nicht stabil – durchaus mit Abneigung gegen sich selbst oder alles andere auftretend und dann auch wieder nicht.

 

Sippen, die es eventuell ohne diese Bindungen stärkende Zutat unserer Natur versucht haben, wird es nicht mehr geben – sie sind zerfallen. Unser Bedarf nach wechselnden Ansichten, hat hier Ihren Ursprung. Sie sind es, die uns den gesellschaftlichen Eiertanz vollführen lassen. Ohne diesen Eiertanz ist sozialer Zusammenhalt von sich in Wahrheit häufig verachtenden Elementen nicht möglich. Gesellschaftliche Konventionen aller Art sind Ergebnis dieses grundlegenden Problems. Im Duett der beiden Prozesse, einerseits alle überragen, aber dennoch unbedingt zu den anderen gehören zu wollen und akzeptiert und keinesfalls ausgeschlossen zu werden, versteckt sich unser Irrwisch, der unruhige Geist und sein Gegenspieler, der innere Wächter, oder auch unser wahres Selbst – unsere eigentliche Persönlichkeit. Das Knäuel ist ganz und gar nicht einfach zu entwirren. Dafür setzen die asiatischen Religionen die Meditation ein. Herauszufinden, wer oder was uns zu dieser oder jener Handlung treibt und zu dieser oder jener Äußerung veranlasst, lässt sich nur finden, wenn man in Ruhe den Blick nach innen wendet und das so oft es geht. Wer beide Komponenten beobachtet, wird schnell merken, dass wir nicht ständig wissen, wer gerade das sagen hat und welche Rolle wir weshalb spielen. Wer oder was steuert uns eigentlich? Was dreht das Fähnchen in welche Richtung?

 

Beide kontrollieren natürlich ihre Wirkung. Wie alle Prozesse in der Biologie hat kein Prozess einen Sinn, wenn er nicht geprüft und begrenzt wird. An anderer Stelle wurde bereits auf die ewige Wippe „vorbreschen und hemmen“ hingewiesen. Der Irrwisch überprüft seine Wirkung auf das Gegenüber an der Reaktion des Gegenübers und korrigiert fortwährend im Hinblick auf Verbesserung. Der Wächter – das eigene Selbst ist eher evolutionär veranlagt er wägt und prüft und lässt uns fühlen, startet aber keine direkten Anweisungen. Seine Wirkung ist nicht sprachlich gefasst und daher schwer zu sehen. Wir bemerken an uns wechselnde Stimmungen, sind launisch, wenn etwas nicht stimmt. Zumindest Unausgewogenheit lässt sich damit erkennen aber ohne Einkehr nicht verifizieren. Auf die innere Stimme hören und wenn erkannt, ihr folgen, ist der Königsweg. Aber Achtung der Irrwisch setzt sich gerne darüber und lässt uns durchaus jahrzehntelang einen falschen Weg beschreiten und je absurder wir vom Menschsein weg sind, umso stärker arbeitet er an den Dämmen, um das Durchbrechen des wahren Selbst zu unterbinden. Jede Tat und vor allem jede schlimme Tat wirkt auch auf uns selbst, das ist nicht zu unterbinden, es heißt schlechtes Gewissen, aber der Irrwisch ist raffiniert genug, alle Gefühle umzumünzen und sorgt dafür, dass wir uns ohne Einschränkungen auch hinter unsere grausamsten Fehler stellen. Die Entfernung vom wahren Selbst spielt eine große Rolle. In der modernen westlichen Welt ist kaum Raum und Zeit und auch wenig Bewusstsein für die Notwendigkeit, alles in sich zu balancieren, vorhanden. Je weiter sich Irrwisch und wahres Selbst auseinanderleben, umso neurotischer und schwieriger wird die Zusammenführung werden und natürlich wird der Irrwisch, der aufgeblasene Wichtigtuer, jede Notwenigkeit zu Korrekturen leugnen.

 

Die Evolution hat alles ausprobiert und kennt den richtigen Weg, kann aber nicht sprechen. Der Intellekt kann zwar alles zusammen basteln, hat aber selbst kein Gewissen – keine ihm innewohnende Hemmung. Das hemmende ausgleichende Element steckt in unserer Vorgeschichte und ist dort mitentwickelt. Die Interessen und die Ressourcen auszuwiegen und auszugleichen ist die eigentliche Leistung der Evolution. Übermäßig erfolgreiche Populationen gefährden letztlich sich selbst – so wie wir es tun. Richtig und falsch, finden wir im Selbst. Man muss nur lange genug hinsehen.

 

"Den Geist zähmen"  Sogyal Rinpoche ist hochstehender Meditationsmeister und Lehrer sowie Autor des Tibetischen Buches vom Leben und vom Sterben.

 

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Bild mit Link zum Verlag Sinnhalt.com